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Die Europäische Sumpfschildkröte Emys orbicularis ist wohl der markanteste Vertreter der heimischen Kriechtiere. Nicht alle wissen, dass sie eine echte heimische Wildtierart darstellt. Dieses Reptil nimmt in Österreich in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein. Während man früher an Hand von morphologischen Merkmalen versucht hatte, die „heimischen“ (autochthonen) von gebietsfremden Tieren (allochthonen) zu unterscheiden, greift man heute zu molekularbiologischen Methoden. Nach jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen, basierend auf mitochondrialen DNA-Untersuchungen, können die Donaupopulationen unterhalb Wiens (Restbestände eventuell auch noch entlang der March) einer eigenständigen Sequenzfolge von Basenpaaren zugeordnet werden. Dies bezeichnet man als Haplotyp. Die Gesamtindividuenzahl der österreichischen Donaupopulation wird auf 400 bis 1000 Exemplare geschätzt und die Art gilt deshalb nach den Kategorien der „Roten Liste der gefährdeten Tiere Österreichs“ als „vom Aussterben bedroht (Critically Endangered)“.
 

Mehr als jede andere heimische Kriechtierart wird der Fortbestand der österreichischen Populationen der Europäischen Sumpfschildkröte durch Aussetzungen fremdländischer Arten (Neobiota, Neozoa) (das sind vor allem andere Schildkrötenarten sowie allochthone Europäische Sumpfschildkröten, auch „Gartenteichnachzuchten“ und ähnliches) in Gefahr gebracht.
 

 

Europäische Sumpfschildkröte – Emys orbicularis Foto: © herpetofauna.at

Europäische Sumpfschildkröte – Emys orbicularis (Foto: © herpetofauna.at)
 


Das Verbreitungsgebiet der Art ist enorm groß, es erstreckt sich im Westen von der marokkanischen Atlantikküste und der Iberischen Halbinsel nach Osten bis zum Aralsee. Das entspricht einer Luftlinie von mehr als 6000 Kilometern! Bedenkt man die naturräumliche Gliederung des Gebietes mit unüberwindbaren Barrieren wie Meere, Meerarme und vor allem Gebirgszüge und zieht man in Betracht, dass es während der Kaltzeiten weit voneinander entfernte Rückzugsgebiete gegeben hat, so verwundert es nicht, dass es sich bei der Europäischen Sumpfschildkröte um eine außergewöhnlich vielgestaltige Art handelt.

Zurzeit werden 14 Unterarten unterschieden; zusätzlich ist im Jahr 2005 eine kryptische Art aus Süditalien beschrieben worden. Bemerkenswert ist, dass sie ein Vertreter der Neuweltlichen Sumpfschildkröten (Emydidae) ist und möglicherweise über die Beringstraße von Amerika über Asien nach Europa eingewandert ist. Hier ist sie auf die „eingesessenen“ Altweltlichen Sumpfschildkröten (Geoemydidae) gestoßen (z. B. Gattung Mauremys) und hat schließlich auch unsere Gebiete erreicht. Taxonomisch werden die österreichischen Exemplare der Nominatform (Emys orbicularis orbicularis) zugerechnet (Emys orbicularis II sensu Fritz 2003).

So sehr der Panzer ein unverwechselbares Charakteristikum der Schildkröten ist und sie so leicht als solche erkannt werden können, so schwer kann es mitunter sein, sie eindeutig im Feld zu bestimmen. Fast immer gelingt eine befriedigende Beobachtung der äußerst scheuen Tiere im Gelände nur mit Hilfe des Feldstechers, hauptsächlich beim Sonnen. Bei dieser Gelegenheit präsentieren sie sich dann oft mit von Schlamm überzogenen Panzern, wodurch die Unterscheidung der Europäischen Sumpfschildkröte gegenüber fremden Arten noch schwerer wird.
 

 

Systematik

  

Klasse: Reptilia, Reptilien
Ordnung: Testudines, Schildkröten
Unterordnung: Cryptodira, Halsberger
Familie: Emydidae, Neuweltliche Sumpfschildkröten
Art: Emys orbicularis, Europäische Sumpfschildkröte

  

Beschreibung

  

Emys orbicularis Kopfportrait

Emys orbicularis Kopfportrait

 

Die Europäische Sumpfschildkröte weist einen ovalen und mäßig gewölbten Panzer auf der (in Stockmaß gemessen) bis etwa 20 cm erreichen kann. Heimische Tiere erreichen etwa 15 cm (Männchen) bis 18 cm (Weibchen) und ein Gewicht von über 1 kg. Zwergpopulationen, die aus verschiedenen Teilen des Mittelmeergebietes bekannt geworden sind, erreichen jedoch nicht mehr als 12 cm. Ein Mediankiel, manchmal auch Seitenkiele können bei Jungtieren erkennbar sein, gehen aber im Laufe des Wachstums verloren. 
 

Der Rückenpanzer (Carapax) ist meist schwarz, kann aber auch braun gefärbt sein. Kennzeichnend sind gelbe Zeichnungselemente in Form von Punkten und Sprenkeln, die sich auch auf die Weichteile erstrecken. Europäische Sumpfschildkröten zeigen jedoch niemals eine streifenförmige Zeichnung des Halses wie etwa die Vertreter der Gattung Mauremys (Kaspische Sumpf- und Bachschildkröten, Maurische Sumpfschildkröte), die im Mediterranbereich mit ihnen zusammen vorkommen können. Individuen der österreichischen Donauauen weisen hauptsächlich feine gelbe, radiär angeordnete Punkte auf dem schwarzen Rückenpanzer (Carapax) auf. Die Färbung des Bauchpanzers (Plastron) kann selbst bei heimischen Tieren von gelb bis schwarz variieren, wobei der dunkle Anteil überwiegt. Bei einzelnen Tieren bildet das dunkle Pigment ein sternförmiges Muster auf dem gelben Plastron.

Der Bauchpanzer ist mit dem Rückenpanzer über die Brücke verbunden. Durch Bindegewebseinlagerungen im Bereich der Brücke kann der Bauchpanzer eine mehr oder minder gute Beweglichkeit erlangen. Auf dem schwarzen Kopf können verschieden stark ausgeprägte gelbe Punkte oder Retikulationen ausgebildet sein, die Kehle ist schwarz oder dunkelgrau gefärbt mit gelben Punkten.
 

Um die Geschlechter voneinander zu unterscheiden, sind der Bauchpanzer und der Schwanz eine gute Hilfe. Bei Schildkröten lassen sich nämlich Männchen relativ problemlos durch einen flachen oder leicht konkaven Plastron und einer deutlich dickeren Schwanzwurzel mit größerem Kloakenabstand zum Panzerhinterrand von den Weibchen unterscheiden. Das gilt auch für die Europäische Sumpfschildkröte. Bei erwachsenen (adulten) heimischen Tieren kann zusätzlich ein Geschlechtsdimorphismus beobachtet werden, indem Männchen eine orangerot gefärbte Iris aufweisen und Weibchen eine gelbe Iris.

  

Verbreitung

  

Das einzige reliktartige Vorkommen, dessen Autochthonie durch einen eigenen Haplotypus bestätigt wird, erstreckt sich entlang der Donauauen unterhalb der Wiener Pforte bis zur österreichischen Staatsgrenze. Einzelfunde an der March lassen vermuten, dass auch noch hier eine schwache Restpopulation existieren könnte. Die meisten anderen Emys – Fundorte in Österreich lassen sich auf ausgesetzte, allochthone Exemplare zurückführen. In der Vergangenheit hat es tatsächlich nachweislich zahlreiche Aussetzungen in verschiedenen Gebieten Österreichs gegeben. Dazu kommt, dass die Europäische Sumpfschildkröte während früherer Epochen als Fastenspeise verzehrt wurde und unter anderem in Massen auf dem Wiener Fischmarkt landete, der seinen ursprünglichen Standort mit Verbindung zum Donaustrom hatte.
 

 

Verbreitungskarte: Europäische Sumpfschildkröte - Emys orbicularis (Datenstand 1996)  © Umweltbundesamt - Quelle: Verbreitungsatlas Österreich
 

Lebensräume

  

Emys orbicularis Habitat Donaualtarm

E. orbicularis Habitat Donaualtarm

 

Das riesige Verbreitungsgebiet und die hohe Variabilität innerhalb der Art und selbst innerhalb der Unterarten bringen es mit sich, dass die Europäische Sumpfschildkröte in den verschiedensten Süßwasserbiotopen angetroffen werden kann. Im Mediterranraum reagiert sie gegenüber Brackwasser und dem Austrocknen der Gewässer viel empfindlicher als die Mauremys-Arten, die an etlichen Stellen den Lebensraum mit ihr teilen.
 

In Österreich, am nördlichen Rand ihres Verbreitungsgebietes, bevorzugt sie stehende Gewässer. Die Donauauen bilden einen Lebensraum, in dem sich noch großräumig vernetzte Wasserflächen erhalten haben, mit relativ geringer Beeinflussung durch den Menschen. Die Schotterböden mit den Heißländen dienen als mögliche Eiablageplätze, gute Bestände von reproduzierenden Amphibien und Wassermollusken liefern ein ausreichendes Nahrungsangebot. Die Ausbreitung des Bibers kommt den Sumpfschildkröten entgegen, denn dadurch wird genügend Totholz geschaffen, das zum Sonnen angenommen wird und gleichzeitig bei Flucht ins Wasser als Deckung dient. Die unbeschatteten Uferböschungen ermöglichen eine längere Sonneneinstrahlung und wirken sich auf die Thermoregulation günstig aus.

  

Lebensweise

  

Der Lebensraum der Europäischen Sumpfschildkröte ist das Wasser. Hier wird nach Fressbarem gesucht und gejagt, wobei sie ihr guter Geruchssinn und Sehsinn leiten; selbst die Paarung findet im Wasser statt. Nur recht selten wird das Wasser verlassen, etwa beim Sonnen, bei der Eiablage oder wenn das Gewässer austrocknet. Vereinzelte Berichte von längeren Überland-Wanderungen liegen vor, offenbar im Zusammenhang mit einer Verschlechterung der Lebenssituation im Wohngewässer.
 

Den Winter über verbringen die Tiere in unseren Breiten in einer Kältestarre - entweder im Wasser, meist im Schlamm vergraben, wo sie gegen das Einfrieren geschützt sind – oder seltener auch an frostfreien Stellen an Land. Obwohl Schildkröten, wie auch die anderen Kriechtiere, Lungenatmer sind, bringen sie die kalte Zeit in dieser Starre im Wasser zu, ohne den benötigten Sauerstoff durch Luftholen decken zu können.
 

Die stärkste Bedrohung durch Fressfeinde (Prädatoren) herrscht für Gelege und Jungtiere. Haben die Schildkröten ein gewisses Alter erreicht, sind sie nur noch wenigen Prädatoren ausgeliefert. Raben und Krähen dürften als Gelegeräuber in den Donauauen eine gewisse Rolle spielen, bedeutender sind zweifellos Fuchs und Wildschwein. Ausgesetzte Waschbären sind auf das Aufspüren von Schildkrötengelegen und Schlüpflingen geradezu spezialisiert. Jungschildkröten werden im Wasser von Störchen und Reihern erbeutet, auch Hecht und Wels sind als Räuber in Betracht zu ziehen. Größere Tiere werden nachweislich von Fischottern und Seeadlern erbeutet.

  

Fortpflanzung

  

Emys orbicularis Paarung

Emys orbicularis Paarung

 

Das Paarungsverhalten setzt gleich nach der Winterruhe ein und spielt sich hauptsächlich im Wasser ab. Es wurde sogar schon unter dem Eis beobachtet. In den Donauauen erfolgt die Eiablage in zwei Phasen von Ende Mai bis Anfang Juli. Während der Eiablage sind die Weibchen gezwungener Maßen längere Zeit an Land, da sie auch Orientierungswanderungen und Probegrabungen unternehmen. Zu dieser Zeit sind sie besonders gefährdet. Die Nester werden an temperaturbegünstigten Stellen angelegt und bestehen aus birnenförmigen Eikammern von ca. 10 bis 15 cm Tiefe.
 

Die Gelegegrößen betragen 8 bis 15 Eier. Nicht jedes Weibchen schreitet jährlich zur Eiablage, hingegen können Weibchen pro Saison gleich mehrere Gelege produzieren. Die Inkubationszeit beträgt gut drei Monate. Der späteste Termin, zu dem Schlüpflinge das Nest verlassen, wurde in den Donauauen für Mitte Oktober ermittelt. Die kleinen Schildkröten streben rasch dem Wasser zu, sobald sie das Nest verlassen haben und suchen im flachen Wasser Deckung. Je nach den Temperaturverhältnissen kann es bei uns auch dazu kommen, dass die Schlüpflinge den Winter in der Eikammer verbringen und erst im Frühjahr (April) des darauf folgenden Jahres das Nest verlassen. Temperaturmessungen haben ergeben, dass die Schneedecke als wichtige Isolationsschichte fungiert, denn während des Winters sind die jungen Schildkröten, die in den Nestern verweilen, vom Durchfrieren bedroht und gehen daran zu Grunde. Die Geschlechtsentwicklung ist temperaturabhängig: Unter 28°C Nesttemperatur entstehen Männchen, über 29,5°C ausschließlich Weibchen. Zwischen 28°C und 29,5°C können beide Geschlechter entstehen.

Schildkröten sind zwar langlebig, benötigen jedoch bis zur Geschlechtsreife in unseren Breiten zehn bis fünfzehn Jahre. Gerade ihre lange Entwicklungsdauer ist der Grund, weshalb sich der Ausfall jedes einzelnen Individuums besonders negativ auf die Populationsentwicklung auswirkt.

  

Nahrung

  

Die Europäische Sumpfschildkröte kann als „fleischfressend“ (carnivor) gelten. Nur in Ausnahmefällen werden pflanzliche Teile aufgenommen. Das Schlucken des erbeuteten Happens kann praktisch nur im Wasser erfolgen, weshalb sie mehr an das Wasser gebunden ist als andere Sumpfschildkrötenarten. Größere Nahrungsbrocken werden mit dem Maul festgehalten und durch gleichzeitiges Wegreißen mit den spitzen Vorderbeinkrallen zerkleinert. Durch blitzartiges Vorstoßen des Kopfes bei gleichzeitigem Einsaugen können geschickt selbst kleine Beutetiere aufgenommen werden. 
 

Entsprechend der Vielfalt ihrer Lebensräume ist auch die Nahrung sehr unterschiedlich. Es werden Würmer, Gliederfüßer und deren Larven sowie Wasserschnecken aufgenommen. In manchen Teilen ihres Verbreitungsgebietes machen Amphibien und besonders deren Larven, die Kaulquappen, sowie Fisch und Fischbrut den Hauptanteil der Nahrung aus. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand kann die Europäische Sumpfschildkröte keinesfalls als „Fischereischädling“ bezeichnet werden. In den Donauauen sind bislang noch keine Nahrungsanalysen an der Europäischen Sumpfschildkröte durchgeführt worden.

  

Gefährdung und Schutz

  

Bedingt durch den „Zufluchtsort Donauauen“ (reliktärer Lebensraum), steht und fällt der Weiterbestand dieser seltenen Kriechtierart in Österreich mit der Erhaltung dieses Lebensraumes. Die scheuen und gegen Störungen empfindlichen Tiere benötigen außerdem Gebiete, in denen es nur zu geringen Beeinträchtigungen durch den Menschen kommt. 
 

Eine der größten Gefahren geht vom Aussetzen gebietsfremder Arten aus, seien es „entsorgte“ Schildkröten aus Liebhaberaquarien oder falsch verstandener „Naturschutz“, indem fremde Europäische Sumpfschildkröten dazugemischt werden. Auch Arten, die potentielle Prädatoren darstellen, wie etwa der aus Amerika stammende Waschbär, könnten für Bestandsrückgänge verantwortlich sein. Durch die geltenden Jagdregelungen halten sich ungewöhnlich große Wildschweinrotten im Nationalpark auf, was die Gefahr des „Ausräumens“ der Au heraufbeschwört, denn Wildschweine fressen Kleintiere wie Amphibien und dergleichen und stellen den Gelegen, Schlüpflingen, Jungtieren und den Eier legenden Weibchen der Sumpfschildkröte nach. Das kann für die Europäische Sumpfschildkröte verheerende Folgen haben. So ist für diese so seltene und absonderliche heimische Kriechtierart ein intaktes Ökosystem der beste Schutz.

  

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